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  FAZ vom 4.11.2001 - Tina Schlosser

Warum Thier vor einer neuen Reifeprüfung steht

Burghausen. Den Schuldigen für die 0:3 Niederlage in Burghausen auszumachen wäre für die Spieler von Kickers Offenbach einfach gewesen. Von der 37. Minute an waren alle taktischen Varianten zunichte gemacht worden. Und auch die Chance, den 0:2 Rückstand noch zu drehen, schwand von Minute zu Minute. In dieser 37. Minute sah ihr brasilianischer Torwart Cesar Thier die Gelb-Rote-Karte, und der OFC mußte zu zehnt gegen den Tabellenführer spielen. "Schadensbegrenzung" nennt Trainer Ramon Berndroth das darauf folgende Spielsystem, mit dem seine Mannschaft noch ein weiteres Tor zuließ, einen Elfmeter. Dennoch: Von der Mannschaft kamen keine böse Worte an Thier. Falls es welche gegeben hätte, wäre auch Berndroth dazwischengegangen. "Das gab es in den 22 Jahren meiner Trainerlaufbahn nicht, daß man sich im Anschluß an ein Spiel gegenseitig beschimpft hat. Sollte es dennoch vorkommen, reicht ein ‚Ruhe!' aus, um jede Schuldzuweisung zu ersticken
Am Samstag war nicht einmal das notwendig. "Menschlich sei es", was Thier passiert sei, findet sein Kollege Lars Meyer. Was war überhaupt passiert mit ihm, dem Mann, von dem jeder, der ihn kennt, sofort behauptet, er habe sich immer im Griff? Für zwei Minuten hat er das "h" aus seinem Nachnamen gestrichen. Als "einen Ausraster" bezeichnet es Berndroth. Er erklärt ihn mit dem Gefühl, für einen Moment ungerecht behandelt worden zu sein. Immerhin hatte Thier in der gesamten Saison in dreizehn Spielen nur fünf Tore zugelassen, bei Wacker Burghausen erhöhte sich die Zahl zu schnell auf sieben. Eine normale Gefühlsentgleisung, formal gesehen. Weil es jedoch die dritte innerhalb von sechs Wochen war - Angelo Barletta machte den Anfang, es folgte drei Wochen später der Platzverweis von Matthias Dworschak und jetzt der von Thier-, findet es Berndroth zwar auch menschlich, aber ebenso überdenkenswürdig.
Während Cesar Thier nach dem Spiel sich als erster zum Bus trollte und sich in einer Ecke verkroch, begann Berndroth schon mit der Analyse. "Ich will rausfinden, warum die Spieler die Ruhe verlieren." Nach seinen ersten Erkenntnissen liegt das auch an dem Bild, das der Gegner von Kickers Offenbach hat. "Ehemaliger Zweitligist, jetzt Spitzenmannschaft. Wir werden ganz anders angereizt." Berndroth finden einen Vergleich: "Wir sind wie der große Bruder, der vom kleinen so lange geärgert wird, bis er die Nerven verliert." Diesem emotionalen Moment sieht er auch seine Spieler ausgesetzt. -Das gilt jedoch nicht als Entschuldigung dafür, Strafen zu bekommen, sondern als "Anstoß zum Reifeprozeß, bei dem sie am Ende gelernt haben sollten, mit diesen Situationen umzugehen". Dazu gehört seiner Meinung nach auch, daß sich die Spieler immer vor den Augen hatten müssen, daß es schlimmere Ungerechtigkeiten gibt als einen vermeintlich falschen Pfiff des Schiedsrichters.
Daß sich Thier schon auf den Weg gemacht hat, diesen Reifeprozeß bis zum Ende zu gehen, war für Berndroth am Samstag nur bedingt sichtbar. Das erste Ergebnis von Thiers Grübelei war eine Einladung für die Mannschaft zum Essen. "Sollte er mich noch persönlich einladen, gehe ich nicht hin. Allein schon um ein Zeichen zu setzen", sagte Berndroth. "Nett gemeint" sei es, aber für ihn gibt es nur eine einzige Konsequenz, eine Wiedergutmachung auf dem Platz. "Er muß sich jetzt voll reinhängen. Hervorragende Leistung im Training bringen. Sich zu jeder Minute empfehlen. Dann wird er irgendwann wieder spielen.
Dann kann Thier auch wieder am Morgen vor dem Spiel den Trainer zu einer ersten Laufeinheit abholen, so wie am Samstag morgen, als beide gemeinsam am Wörthsee entlangliefen. "Daran sehe ich, daß Cesar eine gute Einstellung hat, wie ehrgeizig er ist." Er kennt ihn schon seit zehn Jahren, noch vor der Zeit, als er Assistenztrainer bei Eintracht Frankfurt war und der blonde Brasilianer seine ersten Schritte in Deutschland machte und kein Wort Deutsch sprach. "Ich habe ihn nur einmal aus den Augen verloren, als er ein halbes Jahr in Kiel war, dann kam er wieder nach Fulda zurück, wo er schon vorher spielte." Jetzt ist Thier 34 Jahre alt und seit einem Jahr wieder im direkten Gesichtsfeld von Berndroth. "Ich habe alle Entwicklungen von ihm verfolgt." Die nächste Reifeprüfung wollen sie wieder gemeinsam abschließen.