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ELMAR WIGAND
Und im Tor da steht d’r Tünn

Ich war gebaut wie eine Coca-Cola-Flasche." Vielleicht waren seine X-Beine der Grund dafür, daß Harald Schumacher schon als Kind ins Tor gestellt wurde. Selbst als FC-Keeper der 70er Jahre wurde er noch wegen seines Körperbaus belächelt. Doch einen Menschen mit seiner sturen Verbissenheit und seinem beinahe krankhaften Ehrgeiz konnten Hänseleien über seine leicht tollpatschig wirkende Erscheinung nicht vom Weg abbringen. Schumacher ist an seinen Widerständen gewachsen. "Ich habe nie akzeptiert, daß einige von Geburt an nicht auf der Sonnenseite, sondern im Dauerregen stehen sollen."

Im Laufe seiner Karriere brach er sich alle Finger einer jeden Hand, zweimal das Nasenbein, drei Rippen. Hinzu kamen doppelt gerissene Kreuz-und Außenbänder im Knie, fünf Gehirnerschütterungen. "Ich bin ein Raubtier und der Ball ist die Beute" hat er gesagt und sein Territorium, den Strafraum, mit allen notwendigen Mitteln verteidigt.

1972 kam er als 19jähriger Jugendnationalspieler aus Düren zum 1.FC Köln. Damals rieten einem die Eltern noch, lieber eine Lehre zu machen, bevor man sich solch ungewissen Dingen wie dem Fußball zuwandte. Harald wurde Kupferschmied. Im Sommer 1972 gings ins Trainingslager nach Mexiko, wo ganz lapidar die Reinkarnation des Toni Schumacher vollzogen wurde. "Einen Harald haben wir schon - den Konopka. Und wer Schumacher heißt und beim FC im Tor steht, kann nur der Toni sein", soll Heinz Simmet gesagt haben. Nur wenige ahnten, daß weitaus mehr aus ihm werden sollte als die Wiederauferstehung des "Helden von Liverpool", des Toni Schumacher, der von 1964 bis 1966 Keeper des FC war. Am 8. September 1973 machte Toni Schumacher II. sein erstes Bundesligaspiel. Gerd Welz, die bisherige Nummer eins, hatte sich veletzt. Am Ende stand es 2:2 im Heimspiel gegen den VFL Bochum. Noch konnte er sich nicht durchsetzen und mußte nach vier Spielen seinem wiedergenesenen Vorgänger weichen. Erst ab dem Ende der Saison 1973/74 war der Mann mit den X-Beinen die erste Wahl für den Platz zwischen den Pfosten.

Er hatte seinen Stammplatz, doch er hat nicht begeistert. Seine Wandlung vom sicheren Rückhalt, vom korrekten aber nicht überragenden Mannschaftsspieler zum Charakterdarsteller vollzog sich im Sommer 1977. Der neue Trainer Hennes Weisweiler war nicht zum FC gewechselt, um sich mit dem Erreichen eines UEFA-Cup-Platzes zufriedenzugeben. Er wollte die Meisterschaft und er wußte, daß es dafür einen Keeper brauchen würde, der auch unmögliche Bälle halten kann, gegnerischen Stürmern Respekt einflößt, der eigenen Abwehr Sicherheit verleiht, sie dirigiert, zur Not zusammenstaucht. "Schafft mir diesen Schumacher vom Hals!", war seine Order und im Sommer 1977 nahm der FC Verhandlungen mit einem alten Angstgegner auf: Norbert Nigbur. Er war in Köln zur Legende geworden, als er in einem der spannendendsten Fußballspiele des Jahrzehnts, im Pokalhalbfinale gegen Schalke 04 im Juni 1972, zum Matchwinner geworden war und den FC mit zwei gehaltenen Elfmetern und einem selbst verwandelten aus dem Wettbewerb bugsiert hatte. Die Verhandlungen mit Nigbur - 1977 bei Hertha BSC - scheiterten, sonst wäre der Lebensweg unseres sympathischen Schlacks ein anderer geworden. Es folgte der Meisterschafts- und Pokalgewinn 1977/78. "Die Titel verdanken wir in erster Linie dem Toni", wußte Weisweiler eine sensationelle Saison später. Schumacher ließ sich die folgenden sechs Jahre von keinem Trainer, keiner Krankheit, keinem Präsidenten mehr in Frage stellen. Am 10. September 1983 sperrte ihn der 1. FC Köln aus disziplinarischen Gründen für ein Spiel gegen Waldhof Mannheim und machte damit einen Bundesligarekord unmöglich. 214 Spiele in Folge hätte der Tünn im Tor gestanden und es wären noch viele mehr geworden. Mittlerweile war er ein anderer. Längst hinausgewachsen über Mannschaft, Trainer und Funktionäre. Sie mochten wechseln - er war immer schon dagewesen und im Gegensatz zu den provinziellen Schlawinern und überdrehten Großsprechern, die sich in den 80ern um den FC zu versammeln begannen, kannte er seinen Wert und forderte nie mehr, als er selbst geben konnte. Damals verlangte er nicht weniger als die Ablösung von Trainer und Schleifer Rinus Michels, Schatzmeister und Gernegroß Thielen und Manager Löhr im Paket. Die Geschichte gibt ihm heute Recht. Der Stoß, den ihm der Verein damals versetzte - er muß seine Sperre als hinterhältige Gemeinheit empfunden habe zerrüttete sein Vertrauen in den Verein seines Lebens, sein Vertrauen in die Hintermänner des organisierten Fußballs an sich. "Lieber ein Knick in der Laufbahn, als im Rückgrat."

Die Karriere des Toni Schumacher in der Nationalmannschaft begann 1979. Die verkorkste 78er WM in Argentinien blieb ihm erspart. Im folgenden Jahr hatte Sepp Maier einen schweren Autounfall und Norbert (man trifft sich immer zweimal) Nigbur, der designierte Nachfolger, litt unter Meniskusproblemen. Die Zeit war reif für einen neuen Nationaltorhüter. Toni Schumacher spielte bis 1987 für Deutschland. Er wurde 1980 Europameister in Italien. Weitere Triumphe wurden ihm nicht gegeben. Seine Karriere ist eine Geschichte des großen Erfolges und des Scheiterns.

Zwei Szenen - beide wenige Sekunden lang - haben sein Leben verändert.

 Im Halbfinale der WM 1982 -Frankreich gegen Deutschland- foult er den Stürmer Patrick Battiston so schwer, daß dieser bewußtlos liegenbleibt. In der 57. Minute fliegt der Ball tief aus dem Raum in den Rücken der deutschen Abwehr. Battiston sprintet ihm hinterher und er wird an den Ball kommen. Mutterseelenallein vor dem deutschen Tor. Er wird ihn einschießen. Toni Schumacher rennt wie ein Wahnsinniger auf die Stelle zu, an der Battistons Wege sich mit der Flugbahn des Balles kreuzen würden. "Keeper ist das einzig Wahre für mich, denn gelaufen bin ich noch nie besonders gern." Ihm muß klar gewesen sein, daß er den Ball nicht erreichen würde. Das will er auch gar nicht unbedingt. Er will ins Finale. Er will, daß dieser Eindringling in seinen Strafraum kein Tor schießt. Und er rennt auf ihn zu wie ein wilder Stier auf einen Torero. Battiston ist kein Torero. Er schafft es noch, seinen Schlappen an den Ball zu bringen, der darauf ins Irgendwo trudelt. Dann springt ihm Schumacher mit der rechten Hüfte und angewinkeltem Ellenbogen ins Gesicht. Sein Opfer hätte tot sein können. Schumacher, für den es stets eine Grundregel war, während des Spiels nie über Fehler nachzudenken, um sich keine Unsicherheit zu leisten, kümmert sich um gar nichts. Er läßt den reglosen Battiston liegen und wird zum Matchwinner in einem Fußballthriller. Im Elfmeterschießen hält er zwei Schüsse und bringt Deutschland ins Finale. Ein Held für eine Nacht. "Wenn es nur die Jacketkronen sind - die bezahle ich ihm gerne", ist sein Statement zum Battiston-Foul direkt nach dem Spiel.

Ein Sturm der Entrüstung geht von Frankreich aus durch die europäische Medienlandschaft. Da ist er wieder, der häßliche Deutsche. Schumachers Werbewert sinkt weit unter Null. In Frankreich braucht er Polizeischutz. Bei Auftritten gegen französische Teams ist jede seiner Ballberührungen Anlaß zu Haß-Orgien ungekannten Ausmaßes. Die Reaktionen der französischen Seite, die nur vor dem Hintergrund der Besetzung Frankreichs durch die Nazis im 2. Weltkrieg verstanden werden können, bleiben ihm verschlossen. So weit denkt er nicht. Selbstbewußtsein und Rückgrat können in ignorante Halsstarrigkeit umschlagen. Er ist kein Nazi - also sollen sie ihn in Ruhe lassen. Er hat nichts gegen Franzosen, schon gar nichts gegen diesen Battiston. Er hätte jeden anderen genauso umgeholzt. Das Finale verliert Deutschland gegen Italien.

 1986 in Mexiko steht d´r Tünn wieder im Finale einer Fußballweltmeiterschaft. Diesmal gegen Argentinien. In der 10. Minute tritt Burruchaga einen Freistoß, der halbhoch in den Strafraum trudelt. Schlecht gespielt - kein Problem für Schumacher, der dem Ball entgegenfliegt, der ihn mit Leichtigkeit aus dem Strafraum gefaustet hätte. Bloß vergißt er irgendwie im letzten Moment den Arm auszustrecken. Denkt er an Battiston? Oder an Uli Stein, seinen Rivalen, der Franz Beckenbauer einen Suppenkasper genannt hatte und deshalb nach Hause geschickt wurde? Hatte eine der zahlreichen Pillen, mit denen der Teamarzt die deutschen Kicker damals vollpumpte, wundersame Nebenwirkungen? Wir wissen es nicht. Freund und Feind stehen staunend im Strafraum, dem perplexen Brown fällt der Ball vor die Füße. Er schießt ein. Deutschland verliert das Spiel mit 3:2 - beim entscheidenden letzten Tor wird Schumacher getunnelt. "Ich habe gehalten wie ein Arsch."

 Die Selbstsicherheit in Person wird von Zweifeln und Fehlern geplagt. Er ist kaum wiederzuerkennen. Zu Anfang der folgenden Bundesligasaison nimmt ihn kein Angreifer mehr ernst. Er verschuldet zahlreiche Tore und prompt sind die Feinde und Neider zur Stelle, sie wittern die Chance, ein Denkmal zu stürzen.

 Aus dem Orbit schießt er sich selbst. Im März 1987 erscheint sein Buch "Anpfiff". "Der katholische Vorläufer der satanischen Verse" (so die taz) wartet auf mit massiven Dopingvorwürfen, sowie Beleidigungen und Rundumschlägen gegen Kicker, die er nie leiden konnte. Das Buch wird ein Bestseller. Der DFB und der 1.FC Köln verhängen die Fatwa gegen ihn. Schalke 04 nimmt ihn dankend auf und Toni steigt mit den Knappen ab. Er wird kein Nigbur. Dann folgt er Jussuf Derwall in die Türkei, wo er bei Fenerbahce Istanbul zum Volkshelden avanciert. Türkischer Meister 1989. "Tünü, Tünü!" all night long. Vorletzte Station ist Bayern München, deren Team er nach rasanter Talfahrt 1991/92 stabilisiert.

Die Katze hat sieben Leben. Er macht drei Abschiedsspiele: Istanbul, München, Köln, an deren Ende großangelegte Versöhnungsinszenierungen stehen. Damit nicht genug. Mit 42 Jahren stellt er sich am letzten Spieltag der Saison 1995/96 für den kommenden deutschen Meister Borussia Dortmund ins Tor.

Irgendwann wird er zum 1.FC Köln zurückkehren. Vielleicht als Trainer...

Quelle: http://www.papyrossa.de/fctuenn.htm

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